Zusammenfassung: 

Ein Umknicken des Fußes ist mehr als eine harmlose Verstauchung. Meist sind die Außenbänder betroffen, die das Sprunggelenk stabilisieren. Dabei werden nicht nur die Bänder selbst verletzt, sondern auch feine Nerven, die dem Körper Rückmeldung über die Stellung des Fußes geben. Deshalb fühlt sich das Gelenk nach einer Verletzung oft unsicher an und knickt leichter wieder weg. Auch wenn die Schmerzen oft schnell nachlassen, ist das kein verlässliches Zeichen für Heilung. Das Bandgewebe braucht mehrere Wochen, um wieder stabil zu werden. Eine frühe Belastung ist wichtig, muss aber gezielt gesteuert werden. Wer zu früh wieder voll einsteigt, riskiert erneute Verletzungen. Das erklärt auch, warum es so häufig zu Rückfällen kommt und viele Betroffene langfristige Probleme entwickeln. Entscheidend ist deshalb eine strukturierte Rehabilitation. Sie hilft nicht nur beim Wiederaufbau von Kraft, sondern auch dabei, die Kontrolle und Stabilität des Sprunggelenks zurückzugewinnen.

Inhaltsverzeichnis:

  1. Was passiert beim Umknicken eigentlich?                                            
  2. Warum Umknicken oft unterschätzt wird                                              
  3. Schmerzfrei heißt nicht stabil                                                                 
  4. Das Paradoxon der leichten Verletzung                                                 
  5. Warum eine gezielte Rehabilitation entscheidend ist                           
  6. Literaturverzeichnis

1. Was passiert beim Umknicken eigentlich?

Eine laterale Sprunggelenksdistorsion, kurz LAS, ist der medizinische Begriff für das, was viele als „Umknicken“ oder Überdehnung der Außenbänder kennen. Dabei werden die Bänder an der Außenseite des Sprunggelenks über ihre Belastungsgrenze hinaus beansprucht. Das passiert meist, wenn der Fuß unerwartet nach innen kippt.

Das Außenband besteht dabei nicht nur aus einem einzelnen Band, sondern aus drei Anteilen, die zusammen für Stabilität sorgen. Am häufigsten ist das vordere Band (ATFL) betroffen. Darunter liegt das Fersenband (CFL), das bei stärkeren Belastungen zusätzlich eine Rolle spielt. Das hintere Band (PTFL) unterstützt vor allem die Stabilität im hinteren Bereich des Gelenks. Zusammen sorgen diese Strukturen dafür, dass das Sprunggelenk bei Bewegung kontrolliert bleibt (Hertel & Corbett, 2019; Petersen et al., 2013).

Neben ihrer stabilisierenden Funktion enthalten die Bänder auch feine Nerven (Propriozeptoren), die ständig Informationen an das Gehirn weitergeben. Sie helfen dabei einzuschätzen, wie der Fuß steht und bewegt wird. So kann die Muskulatur schnell reagieren und das Gelenk bei drohender Gefahr sichern.

Nach einer Verletzung kann dieses Zusammenspiel vorübergehend gestört sein. Sowohl das Bandgewebe als auch diese Nervenstrukturen sind betroffen, sodass die Abstimmung zwischen Fuß und Muskulatur nicht mehr ganz so präzise funktioniert. Das kann sich zum Beispiel durch ein Gefühl von Unsicherheit im Sprunggelenk bemerkbar machen (Petersen et al., 2013; Vuurberg et al., 2018; Hertel & Corbett, 2019).

TAKEAWAY: Beim Umknicken wird nicht nur das Band belastet, sondern auch die feine Steuerung des Sprunggelenks beeinflusst. Deshalb kann sich der Fuß noch eine Zeit lang unsicher anfühlen, auch wenn der Schmerz schon nachgelassen hat.

2. Warum Umknicken oft unterschätzt wird

Verletzungen der äußeren Sprunggelenksbänder zählen zu den häufigsten Sportverletzungen weltweit. Gerade deshalb werden sie oft unterschätzt. Weil viele Menschen ein solches Umknicken bereits erlebt haben, gilt es schnell als harmlose Bagatellverletzung, die mit etwas Schonung von selbst ausheilt (Vuurberg et al., 2018). Die Realität sieht jedoch oft anders aus.

In bestimmten Gruppen von Athletinnen und Athleten, insbesondere in Sportarten mit vielen Sprüngen und Richtungswechseln, erleiden bis zu 70 % der Betroffenen nach dem ersten Vorfall eine erneute Verletzung am selben Gelenk. Diese hohe Rate wird in epidemiologischen Studien vor allem auf eine verfrühte Rückkehr zum Sport zurückgeführt, bevor das Gewebe mechanisch stabil ist.

Zudem entwickeln fast 40 % aller Betroffenen innerhalb von nur einem Jahr eine chronische Sprunggelenksinstabilität (CAI). Dies belegt eine wegweisende Beobachtungsstudie von Doherty und Kollegen (2016), in der Patienten nach ihrem ersten Besuch in der Notaufnahme über 12 Monate nachverfolgt wurden. 40 % der Teilnehmer litten danach unter anhaltendem Schmerz oder dem Gefühl, dass der Fuß jederzeit wieder nachgeben könnte, das sogenannte „Giving way“.

TAKEAWAY: Bis zu 70 % der Betroffenen knicken nach der ersten Verletzung erneut um. Gerade weil es so häufig passiert, wird es oft nicht ernst genug genommen und genau das erhöht das Risiko für weitere Probleme.

3. Schmerzfrei heißt nicht stabil

Die Rückkehr zum Sport wird häufig einfach nach einer bestimmten Zeit entschieden, das allein genügt jedoch nicht. Gerade bei Sprunggelenksverletzungen gab es lange keine einheitlichen Kriterien, wann eine sichere Rückkehr zum Sport überhaupt möglich ist (Picot et al., 2023). Die Heilung eines verletzten Bandes folgt festen biologischen Abläufen. Zunächst kommt es zur Entzündungsphase, die etwa bis zum 10. Tag nach der Verletzung dauert. Danach beginnt eine vier- bis achtwöchige Aufbauphase, in der neues Gewebe (Kollagen) gebildet wird. Anschließend folgt die Reifungsphase, in der das Gewebe ausreift und gefestigt wird. Diese dauert über mehrere Monate bis hin zu einem Jahr an (Petersen et al., 2013). 
Das größte Hindernis für eine echte Heilung ist dabei jedoch die eigene Wahrnehmung. Bei Sprunggelenksdistorsionen lassen die Schmerzen oft schon innerhalb der ersten zwei Wochen deutlich nach, was oft fälschlicherweise als Beleg für volle Belastbarkeit interpretiert wird (van Rijn et al., 2008; Vuurberg et al., 2018). Das Gefühl täuscht jedoch. Denn das Band braucht in Wirklichkeit etwa 6 bis 12 Wochen, um nach einer Dehnung oder einem Riss wieder eine grundlegende Stabilität zu erreichen (Picot et al., 2023).

In der Phase, in der neues Gewebe aufgebaut wird, ist Bewegung zwar wichtig, aber in der richtigen Dosis. Das neu gebildete Kollagen muss durch gezielte Belastung ausgerichtet werden, gleichzeitig sollte das Sprunggelenk vor ungünstigen Bewegungen, wie dem erneuten Umknicken nach innen, geschützt werden (Petersen et al., 2013).

TAKEAWAY: Nur weil der Schmerz nachlässt, ist das Gelenk noch nicht wieder belastbar. Die Heilung braucht deutlich mehr Zeit.

4. Das Paradoxon der leichten Verletzung

Viele gehen davon aus, dass eine leichte Verstauchung schnell erledigt ist. Genau das ist aber ein häufiger Irrtum. Studien zeigen sogar, dass gerade leichtere Verletzungen ein höheres Risiko für erneutes Umknicken haben können als schwerere Bandverletzungen (Petersen et al., 2013; Malliaropoulos et al., 2009). Dies liegt vermutlich daran, dass Betroffene bei leichten Verletzungen den Heilungsprozess weniger ernst nehmen, die Rehabilitation vernachlässigen und zu früh zu intensiven Belastungen zurückkehren. Zudem hat sich gezeigt, dass der ursprüngliche Schweregrad der Verletzung kein starker Vorhersagefaktor für den tatsächlichen Heilungsverlauf ist. Auch nach scheinbar harmlosen Verletzungen können Beschwerden länger bestehen bleiben oder wieder auftreten (van Rijn et al., 2008).

TAKEAWAY: Auch leichte Verstauchung können ein erhöhtes Risiko für ein erneutes Umknicken darstellen. Der Schweregrad der Verletzung ist kein starker Vorhersagefaktor für den Heilungsverlauf.

5. Warum eine gezielte Rehabilitation entscheidend ist

Ziel einer strukturierten Rehabilitation ist es nicht nur, die Beschwerden zu lindern, sondern die volle Stabilität und Kontrolle des Sprunggelenks wiederherzustellen. Dafür reicht es nicht, einfach abzuwarten. Eine erfolgreiche Rehabilitation erfolgt schrittweise und orientiert sich am individuellen Heilungsverlauf. Je nach Phase stehen unterschiedliche Schwerpunkte im Vordergrund.

In der frühen Phase geht es vor allem darum, das Gelenk zu schützen, ohne es komplett ruhigzustellen. Eine funktionelle Behandlung mit Schiene ermöglicht eine kontrollierte Belastung und unterstützt die Heilung (Petersen et al., 2013; Vuurberg et al., 2018).

Im weiteren Verlauf wird die Rehabilitation aktiv gestaltet. Durch gezieltes Kraft-, Gleichgewichts- und Koordinationstraining wird nicht nur die Muskulatur gestärkt, sondern auch die gestörte Wahrnehmung des Gelenks wieder verbessert (Petersen et al., 2013; Vuurberg et al., 2018).

In unserer Praxis achten wir darauf, dass du genau dort abgeholt wird, wo du gerade stehst. Wir setzen konsequent auf ein kriterienbasiertes Vorgehen, um deine Rückkehr in den Sport sicher und nachhaltig zu gestalten. Als Orientierung nutzen wir das international anerkannte PAASS-Framework, bei dem wir fünf entscheidende Bereiche objektiv prüfen: Deine Schmerzfreiheit, die Beweglichkeit und Kraft des Gelenks, deine eigene Wahrnehmung der Stabilität, die sensomotorische Kontrolle (Gleichgewicht) sowie deine tatsächliche sportliche Leistungsfähigkeit. So stellen wir sicher, dass  nicht nur schneller, sondern vor allem sicher wieder in Alltag und Sport zurückkehren kann.

TAKEAWAY: Damit das Sprunggelenk wirklich wieder stabil wird, braucht es mehr als Ruhe. Eine gezielte und angepasste Rehabilitation macht hier den Unterschied.

6. Literaturverzeichnis

Hertel, J. & Corbett, R. O. (2019). An Updated Model of Chronic Ankle Instability. Journal Of Athletic Training, 54(6), 572–588. https://doi.org/10.4085/1062-6050-344-18

Petersen, W., Rembitzki, I. V., Koppenburg, A. G., Ellermann, A., Liebau, C., Brüggemann, G. P. & Best, R. (2013). Treatment of acute ankle ligament injuries: a systematic review. Archives Of Orthopaedic And Trauma Surgery, 133(8), 1129–1141. https://doi.org/10.1007/s00402-013-1742-5

Van Rijn, R. M., Van Os, A. G., Bernsen, R. M., Luijsterburg, P. A., Koes, B. W. & Bierma-Zeinstra, S. M. (2008). What Is the Clinical Course of Acute Ankle Sprains? A Systematic

Literature Review. The American Journal Of Medicine, 121(4), 324-331.e7. https://doi.org/10.1016/j.amjmed.2007.11.018

Picot, B., Lopes, R., Rauline, G., Fourchet, F. & Hardy, A. (2023). Development and Validation of the Ankle-GO Score for Discriminating and Predicting Return-to-Sport Outcomes After Lateral Ankle Sprain. Sports Health A Multidisciplinary Approach, 16(1), 47–57. https://doi.org/10.1177/19417381231183647

Vuurberg, G., Hoorntje, A., Wink, L. M., Van der Doelen, B. F. W., Van den Bekerom, M. P., Dekker, R., Van Dijk, C. N., Krips, R., Loogman, M. C. M., Ridderikhof, M. L., Smithuis, F. F., Stufkens, S. A. S., Verhagen, E. A. L. M., De Bie, R. A. & Kerkhoffs, G. M. M. J. (2018). Diagnosis, treatment and prevention of ankle sprains: update of an evidence-based clinical guideline. British Journal Of Sports Medicine, 52(15), 956. https://doi.org/10.1136/bjsports-2017-098106

Published by Kupfer, Marko