Ein stechender Schmerz direkt unterhalb der Kniescheibe – beim Abspringen, beim Landen, manchmal schon beim Aufstehen am Morgen. Das Springerknie trifft besonders Sprung- und Stop-and-go-Sportler. Wer es richtig angeht, muss dafür selten den Sport aufgeben.
Inhaltsverzeichnis:
- Was ist das Springerknie?
- Anatomie: Wie die Patellasehne funktioniert
- Sehnen brauchen Belastung – die richtige Dosis
- Das 4-Stufen-Programm
- Was du über die Dauer wissen solltest
- So beugst du Rückfällen vor
- Häufige Missverständnisse rund um Sehnenbeschwerden
- Wann ärztlich abklären?
- Literaturverzeichnis
1. Was ist das Springerknie?
Beim Springerknie – fachlich Patellasehnen-Tendinopathie – ist die Sehne gereizt und in ihrer Struktur verändert, die deine Kniescheibe mit dem Schienbein verbindet. Der Schmerz sitzt sehr typisch an einem Punkt: am unteren Pol der Kniescheibe.
Die Beschwerden sind in Sprungsportarten weit verbreitet. Im Leistungssport sind je nach Disziplin sehr viele Aktive betroffen – im Volleyball beispielsweise rund 45 Prozent, im Basketball etwa ein Drittel. Auch in Handball, Fußball und Leichtathletik kommt es regelmäßig vor.
Wichtig zu wissen: Es handelt sich nicht um eine klassische Entzündung. Deshalb ist der ältere Begriff „Sehnenentzündung" irreführend. Es ist eine Strukturveränderung der Sehne – sie reagiert auf Belastung, die schneller kam, als sie sich anpassen konnte.
2. Anatomie: Wie die Patellasehne funktioniert
Anatomisch verbindet die Patellasehne die Spitze der Kniescheibe mit dem Schienbein (Tuberositas tibiae). Sie ist die direkte Fortsetzung der Quadrizepssehne – die Kniescheibe sitzt wie ein Knoten in einem durchgehenden Sehnen-Knochen-Sehnen-System. Wenn der Quadrizeps zieht, läuft die Kraft über Patella und Patellasehne aufs Schienbein.
Beim Springen und Landen federt die Sehne wie eine straffe Sprungfeder: Sie wird bei der Landung gedehnt, speichert die Energie und gibt sie beim Absprung wieder ab. Dieser Stretch-Shortening-Zyklus macht explosive Bewegungen überhaupt erst möglich [Malliaras et al., 2015]. Bei einem Sprung wirken am unteren Sehnenpol – genau dort, wo das Springerknie weh tut – ein Mehrfaches des Körpergewichts; bei Landungen aus großer Höhe deutlich mehr.
Sehnen passen sich an wachsende Belastung an, aber langsam: Sie reagieren mit einer schrittweisen Verstärkung der Kollagenmatrix im Innern. Das ist genau das Tempo-Problem hinter dem Springerknie. Die Muskulatur wird in zwei bis vier Wochen merklich stärker; eine Sehne braucht für die gleiche Anpassung eher zwei bis vier Monate. Wer das Sprungvolumen schneller hochfährt, als die Sehne mitkommt, erzeugt genau die Reizung, die wir als Springerknie sehen.
3. Sehnen brauchen Belastung – die richtige Dosis
Der wichtigste Gedanke bei jeder Sehnenbeschwerde: Eine Sehne wird nicht stark, indem man sie schont – sondern indem man sie dosiert belastet. Vollständige Ruhe schwächt das Gewebe weiter. Ziel ist also nicht Pause, sondern die passende Belastung.
In der Praxis steuern wir das über den Schmerz. Als Richtwert gilt: ein Schmerz bis etwa 3 von 10 während der Übung ist akzeptabel, solange er sich innerhalb von 24 Stunden wieder beruhigt. Den Sport ganz zu stoppen ist meist nicht nötig – wir reduzieren die Sprungbelastung, statt sie zu streichen.
| Auf den Punkt Sehnen wollen Belastung, keine Schonung. Der Schlüssel ist die richtige Dosis – schmerzgesteuert und schrittweise gesteigert. |
4. Das 4-Stufen-Programm
Die Behandlung folgt einem bewährten, progressiven Aufbau in vier Stufen. Du gehst erst dann zur nächsten Stufe über, wenn die aktuelle gut vertragen wird – nicht nach festem Kalender.
Stufe 1 – Beruhigen
Statische Halteübungen (z. B. der Wandsitz) wirken oft schmerzlindernd und aktivieren die Oberschenkelmuskulatur, ohne die Sehne stark zu reizen.
Stufe 2 – Kräftigen
Langsame, schwere Kraftübungen wie Step-ups, Beinpresse oder Spanish Squat. Das kontrollierte Tempo ist hier wichtiger als hohes Gewicht – es setzt den Reiz, auf den die Sehne mit Anpassung reagiert.
Stufe 3 – Federn
Jetzt kommen Sprung- und Landeübungen dazu, die die Sehne auf ihre eigentliche Aufgabe vorbereiten: Energie speichern und zurückgeben. Diese Stufe beginnt erst, wenn die Kraftbasis steht – zu frühe Sprungbelastung verschlechtert die Symptome.
Stufe 4 – Sport
Schrittweise volle Integration in dein sportartspezifisches Training, bis du wieder uneingeschränkt belastbar bist.
5. Was du über die Dauer wissen solltest
Sei geduldig: Eine echte strukturelle Anpassung der Sehne braucht 3 bis 6 Monate. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Reine Dehn- und Eis-Programme oder isoliertes „exzentrisches" Training erreichen oft schlechtere Rückkehrquoten als ein vollständiges, progressives Belastungsprogramm.
| Wenig hilfreich — Kortison-Spritzen in die Sehne: kurzfristige Linderung, langfristig schlechter als Training und potenziell schädlich für die Sehnenstruktur. — Passive Maßnahmen wie Ultraschall oder Laser ohne begleitendes Krafttraining. — Kompletter Sportstopp über Wochen – er entlastet kurzfristig, schwächt aber die Sehne. |
6. So beugst du Rückfällen vor
Wenn der Schmerz weicht, ist die zweite Frage zentral: Wie hältst du die Sehne langfristig belastbar? Beim Springerknie gibt es ein paar klare Hebel:
- Sprungvolumen monitorieren. Wer in einer Trainingswoche deutlich mehr Sprünge absolviert als in den Wochen davor, hat das wichtigste Risikoprofil im Buch [Bahr & Bahr, 2014]. Ein Trainings-Tagebuch oder eine App machen die eigenen Spitzen sichtbar, bevor die Sehne meckert.
- Krafttraining als Dauerthema. Zwei langsame, schwere Krafteinheiten pro Woche für den Quadrizeps reichen, um die Anpassung zu halten, die dich aus den Beschwerden geholt hat. Der wirksame Reiz ist nicht hohes Gewicht, sondern das kontrollierte Tempo (etwa 3–4 Sekunden pro Wiederholung).
- Sprung- und Landetechnik üben. Eine weiche, leise Landung mit aktiv gebeugtem Knie verteilt die Last besser als ein hartes, gestrecktes Aufkommen. Das gilt für Volleyball wie für Basketball, Handball und Leichtathletik.
- Belastungssprünge vermeiden. Plötzlich erhöhtes Trainingsvolumen, Saisonvorbereitungen mit vielen neuen Sprüngen oder eine zu kurze Eingewöhnungsphase nach Pausen sind die häufigsten Auslöser [van der Worp et al., 2011]. Eine bewusst ruhigere Woche nach längeren Unterbrechungen ist Gold wert.
- Erholung mitdenken. Sehnen brauchen rund 24–48 Stunden zwischen schweren Reizen – tägliches Sprungtraining ist auch für eine gesunde Sehne kein nachhaltiges Konzept.
7. Häufige Missverständnisse rund um Sehnenbeschwerden
Beim Springerknie hält sich eine Reihe von Annahmen, die mehr schaden als helfen. Die häufigsten:
- „Sehnen heilen nur durch Schonung." Das Gegenteil ist richtig: Sehnen brauchen dosierten Reiz, um wieder belastbar zu werden. Längere Sportpausen schwächen die Sehne strukturell weiter.
- „Wenn es weh tut, muss ich sofort aufhören." Schmerz bis etwa 3 von 10 während der Übung ist erlaubt – solange er innerhalb von 24 Stunden wieder verschwindet. Das ist Trainingsreiz, nicht Schaden.
- „Eine Kortison-Spritze beruhigt die Sehne nachhaltig." Kurzfristig ja, langfristig schlechter als Training – und mehrfach gespritzte Sehnen sind anfälliger für Risse [Malliaras et al., 2015].
- „Wenn das Bild eine Verdickung zeigt, muss operiert werden." Strukturveränderungen finden sich auch bei vielen sportlich Aktiven ohne Beschwerden. Die Bildgebung erklärt selten den aktuellen Schmerz.
- „Reines Eccentric ist das einzig Wirksame." Veraltet: Heutige Programme nutzen ein Vier-Stufen-Modell mit isometrischen, langsam-schweren und sportspezifischen Phasen [Breda et al., 2021]. Eccentric ist nur ein Baustein.
- „Wenn ich Pause mache, bekomme ich es wieder weg." Meist das Gegenteil – ohne Belastung passt sich die Sehne nicht an, die Beschwerden ziehen sich in die Länge.
8. Wann ärztlich abklären?
Suche zeitnah ärztlichen Rat, wenn ein plötzlicher „Knall" mit Kraftverlust und Schwellung aufgetreten ist – das kann auf eine Sehnenverletzung hinweisen. Auch bei Beschwerden, die trotz konsequenter Reha über mehr als sechs Monate bestehen bleiben, lohnt eine erneute Untersuchung. Bei Jugendlichen mit beidseitigen Beschwerden steckt oft eine wachstumsbedingte Ursache dahinter.
| Springerknie – zurück zu Sprung und Sport Wir bestimmen, in welcher Belastungsstufe du stehst, und steuern dein Training schmerzgesteuert nach oben – ohne dass du deinen Sport aufgeben musst. Vereinbare einen Termin in unserer Praxis backandbones in Würzburg. backandbones. Juliuspromenade 7 97070 Würzburg Tel. 0931 45 46 01 51 Online-Termine: backandbones.de/termine |
9. Literaturverzeichnis
Dieser Beitrag stützt sich auf die folgende wissenschaftliche Literatur und auf die evidenzbasierten Behandlungsleitlinien der Praxis backandbones:
Malliaras P, Cook J, Purdam C, Rio E (2015). Patellar Tendinopathy: Clinical Diagnosis, Load Management, and Advice for Challenging Case Presentations. J Orthop Sports Phys Ther 45(11): 887–898.
Breda SJ et al. (2021). Effectiveness of progressive tendon-loading exercise therapy in patients with patellar tendinopathy: a randomised clinical trial. Br J Sports Med 55(9): 501–509.
Lian ØB, Engebretsen L, Bahr R (2005). Prevalence of Jumper’s Knee among Elite Athletes from Different Sports. Am J Sports Med 33(4): 561–567.
Scott A et al. (2020). ICON 2019: International Scientific Tendinopathy Symposium Consensus: Clinical Terminology. Br J Sports Med 54(5): 260–262.
Bahr MA, Bahr R (2014). Jump frequency may contribute to risk of jumper’s knee. Br J Sports Med 48(17): 1322–1326.
van der Worp H, van Ark M, Roerink S, Pepping GJ, van den Akker-Scheek I, Zwerver J (2011). Risk factors for patellar tendinopathy: a systematic review of the literature. Br J Sports Med 45(5): 446–452.
Reha-Manual „Patellasehnen-Tendinopathie", Praxis backandbones (2026).
Haftungsausschluss
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und gibt den aktuellen fachlichen Wissensstand verständlich wieder. Er ersetzt keine individuelle physiotherapeutische oder ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Beschwerdebilder können sich ähneln, die richtige Vorgehensweise hängt aber immer vom Einzelfall ab. Bei starken, plötzlich auftretenden oder über längere Zeit anhaltenden Beschwerden sowie bei Warnzeichen wie Taubheit, ausgeprägter Schwäche, Fieber oder nächtlichen Ruheschmerzen wende dich bitte zeitnah an eine Ärztin, einen Arzt oder an unsere Praxis. Übungen und Belastungsempfehlungen aus diesem Text bitte nicht eigenständig bei akuten Verletzungen anwenden, ohne sie vorher fachlich abklären zu lassen.
